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Mildife: Die Wut, die plötzlich da ist

„Indem wir Wut effektiv von ,guter Weiblichkeit' trennten, haben wir Mädchen und Frauen von genau der Emotion abgeschnitten, die uns am besten vor Gefahr und Ungerechtigkeit schützt."- Soraya Chemaly, Rage Becomes Her (2018)


In einer Session sagte mir eine Frau, dass sie noch nie so wütend gewesen ist wie jetzt. In ihrer Midlife. Dass es sie manchmal überkommt, diese Wut. Rasend, fuchsteufelswild. Und dann sagte sie, fast beiläufig: "Ich glaube, ich habe meiner Wut noch nie wirklich Raum gegeben. Nie. In meinem ganzen Leben nicht."

Passiv-aggressiv, sagte sie über sich selbst. Mit einer Mischung aus Erkenntnis und Scham.

Was sie damit beschrieb, ist keine Charakterschwäche. Es ist eine der wenigen Ausdrucksformen von Wut, die Frauen gesellschaftlich noch am ehesten zugestanden wird, weil sie leise bleibt. Weil sie niemanden direkt konfrontiert. Weil sie sich selbst mehr schadet als anderen. Was sie beschrieb, war kein Ausrasten, kein Kontrollverlust. Sondern das Gegenteil: eine feine, dauerhafte Stille über etwas, das eigentlich laut hätte sein wollen. Wut, die sich nie direkt zeigte, aber immer irgendwie da war. Im Rückzug, wenn ihr etwas nicht passte. Im kleinen Stich, der sich manchmal in Bemerkungen einschlich. In der Erschöpfung, die sie nicht erklären konnte.


WAS SOZIALISATION MIT WUT MACHT

Wir Frauen lernen früh, was mit unserer Wut passiert, wenn wir sie zeigen. Sie wird umgedeutet, als Hysterie, als Überempfindlichkeit, als schlechte Laune. Wut, die bei Männern als Durchsetzungsvermögen gilt, wird bei Frauen zur Unprofessionalität, zur Zickigkeit, zum Problem. Es fängt schon bei den Mädchen an: sie sei "immer so zickig, eine richtig kleine Hexe."

Die Folge ist keine Abwesenheit von Wut, sondern eine lebenslange Übung in Selbstunterdrückung. Viele Frauen lernen, Wut so früh wegzudrücken, dass sie irgendwann nicht mehr unterscheiden können, ob sie wütend sind oder traurig. Die Tränen kommen schneller als der Impuls, auf den Tisch zu hauen. Das ist kein Zufall. Es ist das Ergebnis von Jahrzehnten, in denen weibliche Wut sanktioniert wurde.

Was dabei verloren geht: die Information, die Wut eigentlich trägt. Denn Wut ist keine irrationale Emotion. Sie ist ein Signal. Sie zeigt an, wo eine Grenze überschritten wurde, wo etwas nicht stimmt, wo jemand zu lange zu wenig Raum hatte.

Wichtig ist dabei: nicht alle Frauen tragen dieselben Bedingungen in diesen Prozess. Wieviel Raum für Wut überhaupt möglich ist, hängt auch davon ab, in welchem sozialen Kontext eine Frau lebt, welche Pflegeverantwortung sie trägt, welche strukturellen Einschränkungen ihren Alltag prägen. Wut ist nie nur individuell. Sie entsteht immer auch im System.


WARUM DIE MIDLIFE DIESE WUT HOCHBRINGT

Es gibt eine hormonelle Dimension, die nicht verschwiegen werden sollte. Die Perimenopause bedeutet für viele Frauen, dass die Reizschwelle sinkt, die emotionale Regulationsfähigkeit schwankt, Perimenopause Reizbarkeit und Stimmungsveränderungen zum Alltag gehören. Bis zu 70 Prozent der Frauen berichten davon. Das ist real und verdient Aufmerksamkeit.

Aber es erklärt nicht alles. Nicht einmal das Wichtigste.


Was ich strukturell erlebe: Frauen in der Midlife haben oft jahrzehntelang funktioniert. Haben Care-Arbeit geleistet, Erwartungen erfüllt, sich angepasst. Den Mental Load getragen, oft unsichtbar und unbenannt. Haben Grenzen nicht gesetzt, weil es Energie gekostet hätte, die anderswo gebraucht wurde. Haben geschluckt, zurückgesteckt, hintenangestellt. Die Erschöpfung, die daraus entsteht, ist keine persönliche Schwäche. Sie ist das nachvollziehbare Ergebnis von Strukturen, die Frauen systematisch in die Rolle der Gebenden gedrängt haben.

Irgendwann trägt das nicht mehr. Der Eigensinn, der jahrelang klein gehalten wurde, meldet sich zurück. Und er meldet sich nicht leise.

Die Wut, die in der Midlife hochkommt, ist oft keine neue Wut. Es ist aufgestaute Wut. Wut über Ungerechtigkeiten, die lange hingenommen wurden. Über Grenzverletzungen, die man sich selbst nicht eingestanden hat. Über ein Leben, das sich zu lange nach anderen ausgerichtet hat.


WAS DIE WUT SAGEN WILL

Wut zeigt an, wo der eigene Maßstab verletzt wurde. Wo etwas dem eigenen Erleben nach nicht stimmt, unabhängig davon, ob das jemand anderes auch so sieht.

In diesem Sinne ist Wut eine der klarsten Formen von Selbstwahrnehmung, die es gibt. Sie ist der Körper, der sagt: Hier. Genau hier. Das war zu viel, das war zu lang, das war nicht meins.

Für Frauen, die gelernt haben, diese Stimme zu überhören, ist das oft der erste echte Kontakt mit sich selbst seit Jahren. Manchmal erschreckend für sie. Oft unglaublich lebendig.

Die Frau aus dem Gespräch am Anfang hat irgendwann aufgehört, ihre Wut wegzuerklären. Sie hat angefangen, ihr zuzuhören. Dabei ging es darum zu verstehen, was ihre Wut ihr sagen wollte.


RAUM NEHMEN ALS POLITISCHER AKT

Wut braucht Raum. Und Raum nehmen ist für viele Frauen bis heute keine Selbstverständlichkeit. Es ist etwas, das gelernt, geübt, manchmal erkämpft werden muss.

Denn Wut, die keinen Raum bekommt, verschwindet nicht. Sie kehrt sich nach innen. Wird zur Erschöpfung, zur Schwere, zur stillen Überzeugung, dass die eigenen Bedürfnisse ohnehin nicht zählen. Viele Frauen tragen das jahrzehntelang, ohne es so zu benennen. Und tragen dabei nicht nur ihre eigene Geschichte, sondern oft auch die ihrer Mütter und Großmütter, die nie die Sprache dafür hatten.

Was ich in meiner Arbeit erlebe: Wut ist oft die Triebfeder für den Eigensinn. Der Moment, in dem eine Frau aufhört zu fragen, ob sie darf, und anfängt zu spüren, was sie will. Dieser Moment ist oft ein Anfang von Aufblühen. Der Beginn einer Kreativität, die entsteht, wenn Frauen sich selbst wieder in den Mittelpunkt rücken, nicht weil sie egoistisch werden, sondern weil sie endlich ehrlich werden.

Zu sich selbst. Zu dem, was schon immer da war, aber keinen Platz hatte.

Wenn du mehr über meine Begleitung erfahren möchtest: annajungbluth.de. Auf Instagram findest du mich unter hej.ichbinanna.

 
 
 

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